Das Projekt „Lösungsorientierte Begutachtung“

Das im September 2009 in Kraft getretene FamFG sieht ein Hinwirken des Sachverständigen auf eine einvernehmliche Lösung zwischen den Eltern vor. Dieses Hinwirken - also die lösungsorientierte Begutachtung - ist in Deutschland jedoch ein weitgehend neues und unerforschtes Instrument der Intervention bei hochkonflikthaften Trennungen. Es besteht nach wie vor kein einheitliches Konzept über das konkrete Vorgehen bzw. über die anzuwendenden Interventionsschritte. Einige Autoren formulierten theoretische Konzepte hinsichtlich der in der Begutachtung anzuwendenden Interventionen, empirische Überprüfungen derselben blieben jedoch bisher weitgehend aus. Gerade aufgrund der durch die Gesetzesreform hohen Aktualität der lösungsorientierten Begutachtung erscheint der Bedarf nach empirischen Erkenntnissen hinsichtlich einer wirkungsvollen Vorgehensweise so akut wie kaum zuvor.
Das hier vorgestellte Projekt befasst sich mit der Wirkungsweise und Wirksamkeit der interventionsorientierten Form der Begutachtung hochkonflikthafter Trennungs- und Scheidungspaare in Sorge- und Umgangsrechtsverfahren. Besonderes Augenmerk wird darauf liegen, ob im Rahmen der Begutachtung durch die angewandten Interventionen eine Einigung der Eltern erzielt werden konnte oder nicht. Dabei wird untersucht werden, welche Interventionen sich als nützlich erweisen in Bezug auf die Konfliktdynamik des Paares und ob sich fallspezifische Charakteristika ausmachen lassen, die bestimmte Interventionen als besonders Erfolg versprechend erscheinen lassen. Weiterhin werden die tatsächliche Umsetzung des Begutachtungsergebnisses, die weitere Entwicklung der Konfliktdynamik zwischen den Eltern sowie die Entwicklung der elterlichen und kindlichen Anpassungsleistungen an die familiäre Situation zu einem zweiten Messzeitpunkt analysiert werden.

Maßgebende Fragestellungen sind somit:

  •  Worin unterscheiden sich Paare, die sich im Rahmen eines Gutachtens einigen können, von denen, bei denen dies nicht gelingt?
  • Welche Interventionen erweisen sich als erfolgreich?
  • Welche Entwicklung können die Eltern selbst erkennen z. B. in Bezug auf ihre Konfliktdynamik und in ihrer elterlichen Zusammenarbeit?
  • Wie stabil sind Einigungen, die im Rahmen eines Gutachtens erzielt werden, nach einem halben Jahr? Sind die Regelungen stabiler, zufrieden stellender als Gerichtsbeschlüsse?
  • Wie entwickelt sich die Familiensituation nach einer Begutachtung? Gibt es Veränderungen im elterlichen Konfliktniveau, in der Eltern-Kind-Beziehung, im Wohlbefinden der Familienmitglieder?


Vorgehen

Um diesen Fragen nachzugehen, werden standardisierte und halbstandardisierte Befragungen der Eltern zu zwei Messzeitpunkten sowie halbstandardisierte Befragungen der Gutachter druchgeführt.
Für die Elternbefragung ist ein Vergleichsgruppendesign geplant. Die Zielgruppe umfasst 30 Elternpaare, welche am Ende einer Begutachtung stehen und im Rahmen dieser Begutachtung eine Einigung erzielen konnten. Diese Eltern werden verglichen mit 30 Elternpaaren, welche trotz lösungsorientierter Begutachtung zu keiner Einigung finden konnten. Der Gesamtumfang der Elternstichprobe umfasst somit 60 Elternpaare. Zusätzlich werden in allen Fällen die jeweiligen Gutachter zum Fall befragt werden.
Für den Feldzugang werden deutschlandweit für Familiengerichte tätige Gutachterzusammenschlüsse sowie Einzelgutachter mit der Bitte um Mitwirkung kontaktiert. Da die Elternpaare aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht direkt durch das Forschungsteam angesprochen werden können, werden die Gutachter, welche sich zu einer Teilnahme am Projekt bereit erklärt haben, bei ihren Klienten die Erlaubnis erfragen, ob sich das Forschungsteam telefonisch an sie wenden kann.

Erhebungswelle 1: November 2009 bis voraussichtlich März 2011

Bei Einverständnis der Eltern wird (bis max. zwölf Monate) nach der Begutachtung an diese ein Fragebogen mit folgenden inhaltlichen Schwerpunkten versandt:

  • Ergebnis der Begutachtung
  • subjektive Bewertung der Begutachtung mit Augenmerk auf die angewandten Interventionen
  • Fragen zum Vorgehen des/r Sachverständigen
  • Zufriedenheit mit dem Ergebnis, Erwartungen an die Zukunft
  • intrapsychische sowie interaktionale Merkmale der Elternpaare zum aktuellen Zeitpunkt sowie retrospektiv erfasst zum Zeitpunkt zu Beginn der Begutachtung
  • die Trennungsgeschichte vor dem Hintergrund bisheriger gerichtlicher Auseinandersetzungen und Interventionen
  • wahrgenommene Eltern-Kind-Beziehung, aktuell und retrospektiv erfasst zum Zeitpunkt vor Beginn der Begutachtung
  • wahrgenommene Befindlichkeit des Kindes, kindliche Verarbeitung der elterlichen Trennung
  • demographische Daten


Weiterhin werden auch die jeweiligen Sachverständigen zu ihrem Vorgehen hinsichtlich der teilnehmenden Fälle befragt werden. Dies wird ebenfalls in Form eines kurzen, halbstandardisierten Interviews (telefonisch oder direkt) geschehen. Schwerpunkte des Interviews werden sein:

  • Fragen zur Person des Sachverständigen
  • Fragen zum Vorgehen im jeweiligen Fall
  • Fragen zu den Eltern


Erhebungswelle 2: Juli 2010 bis voraussichtlich November 2011

Acht Monate nach der ersten Befragung wird den Eltern erneut ein Fragebogen gesandt, um die Entwicklung der familiären Dynamik nach der Begutachtung zu erfassen. Dieser beinhaltet folgende Punkte:

  • aktuell praktiziertes Sorgerechts- bzw. Umgangsrechtsmodell
  • retrospektive Einschätzung der Begutachtung und der gefundenen Regelung bzw. des Gerichtsbeschlusses
  • intrapsychische und interaktionale Faktoren (z.B. Persönlichkeit, Befindlichkeit, Kontakt und Konfliktdynamik zum Ex-Partner)
  • wahrgenommene Eltern-Kind-Beziehung
  • wahrgenommene Befindlichkeit des Kindes, kindliche Verarbeitung der elterlichen Trennung


Die Auswertung der Daten wird durch Frau Dipl.-Psych. Bettina Bergau im Rahmen eines Dissertationsvorhabens erfolgen und durch Frau Prof. Dr. Sabine Walper, LMU München sowie durch Frau PD Dr. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik, wissenschaftlich betreut und begutachtet werden.

Weitere Informationen zu unserem Projekt können Sie in der aktuellen Ausgabe der Praxis der Rechtspsychologie, Ausgabe 2/ 2010, S.360-373 nachlesen.